Exchange Semester / Politecnico di Milano

Mein viertes Semester des Modedesign-Studiums fand nicht wie gewöhnlich an meiner Heimatuniversität Hochschule Hannover statt. Ich entschied mich nämlich, ein Austauschsemester an einer unserer Partneruniversitäten zu absolvieren. Wie genau der Bewerbungsprozess dafür aussah und was für Tipps und Ratschläge ich euch dazu geben kann, folgt noch in einem separaten Artikel. Hier geht es vor allem um mein Studium in Mailand und meine belegten Kurse und gemachten Erfahrungen.

Es ist wirklich manchmal kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Vor ungefähr 17 Wochen bin ich am Flughafen Malpensa gelandet und wusste noch nicht richtig, was mich hier erwartet. Und jetzt kann ich schon auf die tolle Zeit mit vielen super Erinnerungen zurückblicken, die wirklich jede Minute wert waren.

Wir haben das Semester hier mit einer schönen Welcome-Week für die Internationalen begonnen, bei dem es Einführungen in das Online-System oder Vorlesungen zur Kultur gab. Das Ganze wurde von Freizeitveranstaltungen abgerundet, bei dem man seine ersten Kontakte knüpfen konnte. Tatsächlich habe ich in dieser Woche schon einen großen Teil der Leute kennengelernt, mit denen ich Freundschaften geschlossen habe und die mich durch mein Semester begleitet haben. Nach der Einführungswoche haben dann schon die zuvor gewählten Kurse gestartet. Ich habe mich für fünf Kurse entschieden. Anders als in Deutschland, haben diese Kurse jeweils eine Dauer von mindestens 4 Stunden pro Woche, sodass man zwar weniger Kurse hat, in denen aber umso intensiver arbeitet. Lediglich in Theorievorlesungen finde ich die Dauer von 4 Stunden zu lange, ist es doch sehr schwierig, so lange (und noch dazu auf einer fremden Sprache) dem Professoren zu folgen und konzentriert zu bleiben. Zum Glück waren meine Fächer aber sehr praktisch, denn ich hatte mich für Folgende entschieden:

  • Progetto della Moda
  • Portfolio
  • Fotografia: Lo spirito della professione
  • Intersezioni Milanesi
  • Italiano B1

Mein Entwurfsprojekt drehte sich um Workwear der Zukunft und wie an der Hochschule Hannover auch hatten wir ein Semester Zeit, um eine Kollektion zu entwickeln und umzusetzen. Wobei es sich genau dabei handelte habe ich in meinem separaten Blogartikel Space Workwear genauer beschrieben.

Das Fach Portfolio hat mir am Besten gefallen. Anfangs hielten uns die Professorin und zwei Dozenten Vorträge über Grafikdesign, Layouts, Typografien etc und nachdem wir ausgewählt haben, welche Projekte wir in welchem Umfang in unser Portfolio aufnehmen wollen, wurde uns wöchentlich mit Tipps und Ratschlägen in Einzelgesprächen zur Seite gestanden, sodass wir über viele Woche ein Portfolio entwickelt haben, mit dem wir am Ende rundrum zufrieden sein konnten. Ich werde es in den kommenden Semestern mit meinen neuen Kollektionen erweitern und mich damit auch für meinen Berufseinstieg bewerben.

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Das Fach Fotografie war sehr interdisziplinär gehalten, wodurch wir jede Menge Eindrücke in verschiedenen Bereichen sammeln konnten. Es gab in diesem Kurs zu 50% Theorievorlesungen (denen wir Internationalen allerdings relativ schlecht folgen konnten, da der Professor einen sehr starken Dialekt hatte und auch die Italiener Schwierigkeiten hatten, ihn zu verstehen) und zu 50% Praxisaufgaben. In 5er Gruppen mussten wir kleine Sets arrangieren und Fotoprojekte aus den Bereichen Stillleben, Architektur, Reportage, Studioportrait und Portrait exterior (wie hier zu sehen) umsetzen.

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Zum Abschluss des Kurses sollte ein Individualprojekt realisiert werden, bei dem wir in der Themenwahl ganz frei waren. So habe ich mich beispielsweise entschieden, eine Portraitreihe über die Selfiegeneration zu fotografieren, die zwar sehr viel in Sozialen Medien preisgibt, die Wahrheit aber ebenso verschleiert oder versteckt.

Intersezioni Milanesi handelte sich, wie der Name schon sagt, um Intersektionen aus Mailand, zu denen Kunst, Design, Architektur und Kommunikation zählen. Ungefähr alle zwei Wochen haben wir eine Exkursion zu einem Museum oder einem Atelier eines Designers unternommen und dort wichtige Inhalte im Bezug auf das Fach gelernt. In der anderen Hälfte des Kurses wurden uns die Grundlagen zu den jeweiligen Ausstellungen oder interessanten Orten geliefert. Schon am Anfang hat jeder Student einen mailändischen Designer zugeteilt bekommen, zu dem ein Dossier und ein großes Poster gestaltet werden sollten, die Bestandteile der mündlichen Prüfung am Ende sein sollten. Dieses Fach war für mich am Schwierigsten, denn es war wichtig, den Vorlesungen von Anfang an zu folgen, um erfolgreich in der Abschlussprüfung zu sein und weil wir Internationalen am Anfang noch einige Schwierigkeiten mit unserem italienischen Verständnis hatten, war es eine Herausforderung. Dennoch bin ich froh, diesen Kurs gewählt zu haben, denn so habe ich noch einen besseren Überblick über meine Heimat für ein Semester erlangt und gelernt, warum sie eigentlich so bekannt für Design ist.

Abgerundet habe ich mein Wahlangebot dann noch mit einem Italienischkurs des Levels B1, der zweimal wöchentlich abends von 6 bis 8 Uhr stattgefunden hat und das Semester begleitete. Dort habe ich sehr viel gelernt, noch mehr interessante Menschen kennengelernt und er half mir auf jeden Fall, besser in den restlichen Kursen klarzukommen.

Finanziert habe ich das Auslandssemester mit dem Erasmus-Stipendium, Zuschüssen von meinen Eltern und meinen Ersparnissen. Bevor man ein Auslandssemester antritt, sollte man sich über die Kosten im Klaren sein, denn das Erasmus-Stipendium reicht bei Weitem nicht aus, um sich im Ausland zu finanzieren. Zwar waren die meine Kosten, was Nahrung oder Freizeitaktivitäten betrifft, nicht viel höher als in Deutschland, doch schon die Wohnungen sind teurer und müssen finanziert werden. Ich habe beispielsweise etwas weiter außerhalb gewohnt (in Bresso im Norden Mailands), hatte dafür aber ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad und Balkon. Gefunden habe ich das Angebot über Airbnb und hatte auch wirklich Glück mit meiner Vermieterin. Im Gegensatz zu mir hatten einige meiner Freundinnen zwar das Glück, etwas zentraler zu wohnen, doch mussten sich meistens auch ein Zimmer teilen, was wiederum weniger Privatsphäre und mehr Stress bedeutet. Seid euch im Klaren darüber, dass ihr wahrscheinlich einen Kompromiss eingehen müsst, was die Wohnung betrifft.

Die Universität an sich hat mir sehr gut gefallen. Sie ist eine der größten Unis des Landes und hat circa 40.000 Studenten und 1.000 Lehrkräfte. Unser Bovisa-Campus, auf dem alle Design-Studiengänge vertreten sind, ist sehr modern und neu ausgestattet und bot immer genug Platz zum Arbeiten, Lernen und Nähen in einer der Werkstätte. Ursprünglich hatte ich ja geplant, in meinem Auslandssemester ins englischsprachige Ausland zu gehen, doch da ich zur Zeit meiner Bewerbung noch am Anfang meines Studiums stand, hatten alle höhen Semester Vorrang und ich entschied mich dann für Mailand. Rückblickend bin ich aber super froh, mal eine andere Kultur und vor allem eine andere Sprache kennengelernt zu haben. Da alle Kurse auf Italienisch stattfanden, was ich ja vorher wusste, empfehle ich jedem ausdrücklich einen oder am Besten mehrere Kurse vorab zu belegen, damit ihr vorbereitet seid. Meine Kommilitonen, die das nicht getan haben, hatten bis zum Ende deutliche Schwierigkeiten. Ein Auslandssemester ist eben kein Klacks, es ist deutlich härter als ein normales Semester. Alles ist neu, fremd, man ist schneller gestresst – lässt man sich aber darauf ein und strengt sich wirklich auch an, dann ist es eine ganz tolle Erfahrung!

Ich habe in meiner Zeit viele tolle Leute aus der ganzen Welt kennengelernt, jedoch weniger aus Italien selbst, was daher kam, dass wir in unseren Kursen oftmals in Erasmus-Gruppen gesteckt wurden. Ich hätte die Sprache gerne noch öfter mit Einheimischen angewandt, bin aber nun auch froh, gerade diese Leute kennengelernt zu haben und auch mein Englisch zu verbessern.

Zwar hatten wir jede Menge in der Uni zu tun (je nach Kurswahl natürlich unterschiedlich) und gerade zum Ende wurde es etwas stressiger, dennoch habe ich meine freie Zeit so gut es geht genutzt, um in Italien zu reisen. So war ich in BergamoComo, Lecco, Sirmione am Gardasee, Verona, Venedig, Florenz, Pisa, La Spezia, der Cinque Terre, Genova und Turin. Ich werde nach und nach meine Eindrücke in den tollen Städten, die wirklich alle einen Besuch wert sind, hier hochladen!

Wer sich noch über diesen Artikel hinaus für meinen Aufenthalt und mehr Details interessiert, kann gerne bei auf der Wanderlust-Plattform meiner Heimatuniversität vorbeischauen. Ansonsten bin ich immer für eure Fragen und Kommentare offen und stehe euch gerne noch mit weiteren Tipps zur Seite!

Eure Juliana